WieGesagtBlog

Hören allein bringt fast nichts

Warum du beim Hören mitlesen solltest, welches Tempo dir wirklich hilft und wie viele Wörter du schon kennen musst, damit ein Hörbuch etwas bringt.

5 Min. Lesezeit

NOTIZENMARTIN24.09.26

Der naheliegende Plan, wenn man Deutsch verstehen will, lautet: viel hören. Podcasts beim Kochen, Radio in der Straßenbahn, ein Hörbuch beim Einschlafen. Irgendwann, so die Hoffnung, macht es klick. Der Plan klingt vernünftig und teilweise stimmt es. Hören ist der richtige Rohstoff. Doch Hören allein, ohne Text, ist die am wenigsten ergiebige Form davon.

Ronan Brown hat 2008 genau das getestet. 35 Studierende bekamen drei Geschichten, jede auf eine andere Art: eine nur zum Lesen, eine zum Lesen mit Hörbuch, eine nur zum Hören. In jeder Geschichte steckten 28 unbekannte Wörter. Direkt danach erkannten die Lernenden 48 Prozent der Wörter wieder, wenn sie gelesen und gehört hatten, 45 Prozent nach dem Lesen und 29 Prozent nach dem Hören allein. Die Bedeutung nennen konnten sie bei 16, 15 und 2 Prozent. Nach drei Monaten war von den nur gehörten Wörtern nichts mehr übrig. Kein einziges. Aus den beiden Lesevarianten war immerhin etwa eines von 28 geblieben.

Der Grund ist nicht, dass Hören schlecht wäre, sondern dass ein unbekanntes Wort im Ohr keine Form hat. Du hörst einen Klang, der bei der nächsten Silbe schon wieder vorbei ist, und weißt nicht einmal, wo er anfängt und aufhört. Der Text gibt dem Klang eine Gestalt. Kathy Conklin und Kolleginnen haben 2020 mit Eye-Tracking verfolgt, was die Augen dabei tun. Wer in der Fremdsprache nur liest, hält den Blick öfter und länger an als jemand in der Muttersprache. Läuft dabei der Ton mit, sehen die Augenbewegungen der Lernenden plötzlich fast so aus wie die von Muttersprachlern. Die Augen laufen dem Ton ein Stück voraus, und der Ton zieht sie in einem Tempo durch den Text, das sie allein nicht halten würden.

Das zeigt sich auch im Verstehen. Eine Meta-Analyse von Maribel Montero Perez findet für Untertitel einen großen Effekt auf das Hörverstehen und den Wortschatz, und zwar auf jedem Niveau. Bronson Hui ließ 46 erwachsene Lernende dieselben Texte einmal nur hören und einmal hören und lesen: Mit Text verstanden sie mehr, ob sie schnell oder langsam lasen, ob der Text leicht oder schwer war. Und wer bei Anna Chang und Sonia Millett 2014 über dreizehn Wochen zehn Bücher hörte und dabei mitlas, machte die stetigsten Fortschritte im flüssigen Hören, vor den Gruppen, die nur lasen oder nur hörten.

Das Tempo

Oftmals ist der Reflex bei einem schwierigen Hörbuch es langsamer zu stellen. Roger Griffiths hat Lernende auf mittlerem Niveau Texte mit 200, 150 und 100 Wörtern pro Minute hören lassen. Beim schnellen Tempo brach das Verstehen ein. Beim langsamen Tempo verstanden sie aber nicht mehr als beim normalen, und sie schätzten die Tempowechsel falsch ein. Anders war es bei Yong Zhao 1997, wo die Lernenden das Tempo selbst einstellen durften. Sie verstanden mehr, und sie erreichten das, indem sie langsamer stellten. Zusammen lese ich die beiden Ergebnisse so, dass ein durchgehend langsameres Hörbuch nichts bringt, es aber hilft, selbst eingreifen zu können, wenn man nicht mehr mitkommt.

Wie viel du schon kennen solltest

Ein Hörbuch bringt nur etwas, wenn du den Großteil davon ohnehin verstehst. Für das Lesen gilt seit Marcella Hu und Paul Nation im Jahr 2000 die Faustregel, dass 98 Prozent der Wörter bekannt sein sollten. Beim Hören ist die Schwelle niedriger. Hilde van Zeeland und Norbert Schmitt haben 2013 gesprochene Erzählungen mit unterschiedlichen Anteilen unbekannter Wörter vorgespielt: Bei 90 Prozent bekannten Wörtern verstanden die meisten schon ausreichend, bei 95 Prozent lagen fast alle dicht beieinander. Ein unbekanntes Wort auf zwanzig ist also das Ziel. Wenn in jedem Satz drei fremde Wörter stehen, ist das kein Hören mehr, sondern Wörterbucharbeit. Dann lieber ein leichteres Buch oder man kann die unbekannten Wörter vorher lernen. Für Lernende geschriebenes Material hat nach einer Meta-Analyse von Satsuki Kurokawa von 2025 übrigens einen etwa doppelt so großen Effekt auf den Wortschatz wie Material für Muttersprachler.

Was das Buch allein nicht schafft

In der Studie von Brown, Waring und Donkaewbua wurden die Wörter, die fünfzehn- bis zwanzigmal vorkamen, weit öfter gelernt als die, die zwei- oder dreimal vorkamen. Rob Waring und Misako Takaki fanden 2003, dass Wörter, die weniger als achtmal im Buch standen, nach drei Monaten nicht mehr da waren. Die häufigen Wörter einer Sprache bekommst du also vom Hörbuch geschenkt. Die selteneren, und das sind die meisten, die dir in einem Roman begegnen, brauchen einen zweiten Kanal. Deshalb gibt es in WieGesagt die Möglichkeit, ein Wort zu speichern und es später durch Wiederholen zu lernen. Was danach mit dem Wort passieren muss, damit es bleibt, ist ein anderes Thema, das ich im Beitrag „Nachschlagen ist nicht Lernen“ erkläre.

Eine Routine hilft

Larry Vandergrift und Marzieh Tafaghodtari haben 2010 106 Französischlernenden eine einfache Abfolge beigebracht: vor dem Hören überlegen, worum es gehen wird, dann hören, dann am Text prüfen, dann noch einmal hören. Bei gleicher Hörzeit verstanden diese Lernenden mehr als die Vergleichsgruppe, und am meisten profitierten die schwächeren Hörer. Auf ein Hörbuch übertragen: Lies den Kapitelanfang, rate, was kommt, hör das Kapitel, klick dich zu den Sätzen zurück, die du verloren hast, und hör es ein zweites Mal.

Es ist anstrengender als Radio nebenbei. Aber von Radio nebenbei bleibt, wie gesagt, nach drei Monaten nichts.

Quellen

  1. Brown, Waring und Donkaewbua (2008), Incidental vocabulary acquisition from reading, reading-while-listening, and listening to stories, Reading in a Foreign Language 20, 136–163.
  2. Conklin, Alotaibi, Pellicer-Sánchez und Vilkaitė-Lozdienė (2020), What eye-tracking tells us about reading-only and reading-while-listening in a first and second language, Second Language Research 36, 257–276.
  3. Griffiths (1990), Speech rate and NNS comprehension, Language Learning 40, 311–336.
  4. van Zeeland und Schmitt (2013), Lexical coverage in L1 and L2 listening comprehension, Applied Linguistics 34, 457–479.
  5. Vandergrift und Tafaghodtari (2010), Teaching L2 learners how to listen does make a difference, Language Learning 60, 470–497.
Teilen

Weiter lesen

Notizen24. September 20266 Min.

Nachschlagen ist nicht Lernen

Warum ein Wort, das du gerade nachgeschlagen hast, bald wieder weg ist, und die vier Dinge, die passieren müssen, damit es bleibt.

Notizen24. September 20265 Min.

Verstanden werden, nicht akzentfrei klingen

Warum dein Akzent nicht das Problem ist, woran Deutsche dich wirklich nicht verstehen, und wie du in acht Wochen hörbar weiterkommst.