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Verstanden werden, nicht akzentfrei klingen

Warum dein Akzent nicht das Problem ist, woran Deutsche dich wirklich nicht verstehen, und wie du in acht Wochen hörbar weiterkommst.

5 Min. Lesezeit

NOTIZENMARTIN24.09.26

Die meisten, die Deutsch lernen, sprechen weniger, als sie könnten, weil sie ihren Akzent hören. Murray Munro und Tracey Derwing haben 1995 Muttersprachler die Sätze von zehn erwachsenen Lernenden aufschreiben und bewerten lassen. Die Urteile über den Akzent gingen weit auseinander. Die Verständlichkeit dagegen war bei fast allen hoch. Der Akzent hing mit Aussprache- und Grammatikfehlern zusammen, kaum mit dem Verstehen. Ein starker Akzent macht dich also nicht automatisch schwer verständlich. Das ist die erste gute Nachricht. Die zweite: Akzentfrei wird nach der großen Meta-Analyse von Kazuya Saito und Luke Plonsky aus dem Jahr 2019 ohnehin kaum ein Erwachsener. Das Ziel kann also nicht sein, wie ein Nachrichtensprecher zu klingen. Das Ziel ist, dass die Person gegenüber dich beim ersten Mal versteht.

Woran es im Deutschen wirklich hängt

Ulla Hirschfeld und Jürgen Trouvain haben 2008 untersucht, woran es liegt. Der Satz „Es regnet“, mit der Betonung auf der letzten Silbe gesprochen, wurde von mehr als der Hälfte der deutschen Hörer nicht erkannt. Richtig betont verpassten ihn 5 Prozent. Kein einziger Laut war falsch. Nur die Betonung. Die wiederkehrenden Probleme, die die beiden bei Lernenden sehen, sind alle von dieser Art: die Wortbetonung auf der falschen Silbe, kurze betonte Vokale, die zu lang geraten, zu wenig Unterschied zwischen betonten und unbetonten Silben, das fehlende schwache e in Endungen wie -en, -el und -em, zu viele Betonungen im Satz und Pausen an der falschen Stelle. Nicht ein einzelner Laut entscheidet, sondern der Rhythmus.

Für dich heißt das: Lern zu jedem neuen Wort, wo die Betonung sitzt, so wie du das Genus mitlernst. Achte auf die Vokallänge, denn im Deutschen trennt sie Wörter: bieten und bitten, Staat und Stadt, Miete und Mitte. Und lass die Endsilbe fallen. „Lesen“ hat vorn ein langes, klares e und hinten fast keins.

Erst hören, dann sprechen

Hirschfeld und Trouvain halten fest, dass kaum ein erwachsener Lernender einen Satz brauchbar nachspricht, ohne ihn vorher bewusst gehört zu haben. Sie empfehlen, dass die Lernenden erst hören und unterscheiden, dann nachsprechen, korrigieren, noch einmal hören, noch einmal nachsprechen mit Rückmeldung. Yo Hamada, der das Nachsprechen im Takt des Originals seit Jahren erforscht, empfiehlt Anfängern 2019 dasselbe: erst als Hörtraining, dann als Sprechtraining. Genau deshalb kommt bei WieGesagt das Mikrofon erst, wenn der Satz zu Ende gespielt hat.

Rückmeldung wirkt

Junkyu Lee et al. haben 2015 über 86 Studien gerechnet: Ausspracheunterricht hat einen großen Effekt, größer bei längerer Dauer und wenn es Rückmeldung gibt. Für das Üben mit Spracherkennung haben Thuy Ngo et al. 2024 nachgelegt. Eine ausdrückliche Rückmeldung, etwa eine Bewertung pro Wort oder der Vergleich mit einem Sprecher, wirkte deutlich stärker als eine bloße Abschrift oder ein Richtig-oder-Falsch. Ein bis vier Wochen Üben brachten fast nichts, fünf bis acht Wochen sehr viel. Und allein zu üben brachte weniger als mit einem Lehrer, weil niemand sagt, was genau falsch war. Ambra Neri und Kollegen zeigten 2008 an dreißig Erwachsenen, die Niederländisch lernten, wie eng die Wirkung ist: Wer automatische Rückmeldung zu bestimmten schwierigen Lauten bekam, verbesserte genau diese Laute, sonst nichts. Falsche automatische Rückmeldung, warnen sie, kann Lernen auch kaputt machen. Die Spracherkennung kann sich irren, bei Anfängern öfter als bei Fortgeschrittenen. Deshalb vergleiche ich nicht nur die Wörter, sondern auch Betonung, Rhythmus und Tempo mit dem Original, und der Satz lässt sich so oft wiederholen, wie du willst.

Acht Wochen, zehn Minuten

Jennifer Foote und Kim McDonough haben 2017 sechzehn Erwachsene acht Wochen lang kurze Dialoge auf dem Handy nachsprechen lassen, mindestens viermal pro Woche, mindestens zehn Minuten. Danach wurden sie in freier Rede als verständlicher und flüssiger bewertet. Ihr Akzent hatte sich nicht verändert. Nel de Jong und Charles Perfetti fanden 2011, dass Flüssigkeit nur dann bleibt, wenn man denselben Inhalt wiederholt spricht, statt jedes Mal einen neuen.

Warum das allein mit einer Maschine anfängt

Elaine Horwitz und Kollegen haben 1986 beschrieben, was Sprechangst in einer Fremdsprache ist: Erwachsene, die sich für klug und gewandt halten, sehen dieses Bild bedroht, sobald jeder Satz nach Maßstäben beurteilt wird, die sie nicht beherrschen. Bei Muzakki Bashori und Kollegen berichteten Jugendliche 2022, dass sie sich vor einer Spracherkennung weniger ängstlich fühlten als vor anderen Menschen. Das ist keine Lösung, aber ein Anfang. Erst allein, mit Rückmeldung, so oft du willst bis du dich sicher fühlst mit anderen Menschen zu sprechen.

Quellen

  1. Munro und Derwing (1995), Foreign accent, comprehensibility, and intelligibility in the speech of second language learners, Language Learning 45, 73–97.
  2. Hirschfeld und Trouvain (2007), Teaching prosody in German as foreign language, in Non-Native Prosody, Mouton de Gruyter, 171–188.
  3. Lee, Jang und Plonsky (2015), The effectiveness of second language pronunciation instruction: A meta-analysis, Applied Linguistics 36, 345–366.
  4. Ngo, Chen und Lai (2024), The effectiveness of automatic speech recognition in ESL/EFL pronunciation: A meta-analysis, ReCALL 36, 4–21.
  5. Foote und McDonough (2017), Using shadowing with mobile technology to improve L2 pronunciation, Journal of Second Language Pronunciation 3, 34–56.
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