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Nachschlagen ist nicht Lernen

Warum ein Wort, das du gerade nachgeschlagen hast, bald wieder weg ist, und die vier Dinge, die passieren müssen, damit es bleibt.

6 Min. Lesezeit

NOTIZENMARTIN24.09.26

Ein Wort nachzuschlagen fühlt sich an wie Lernen. Man kannte es nicht, jetzt kennt man es, der Satz geht wieder auf. Batia Laufer und Monica Hill haben im Jahr 2000 mitgeschrieben, was Lernende in einem Bildschirmwörterbuch anklicken. Jedes Zielwort wurde nachgeschlagen, manche mehrfach. Wie oft ein Wort nachgeschlagen wurde, sagte nichts darüber, ob es später noch da war. Der Klick ist nicht das Lernen. Er ist die Stelle, an der das Lernen anfangen kann.

Zuerst die nüchternen Zahlen. Stuart Webb et al. haben 2023 zusammengerechnet, was beim Lesen und Hören ohne Hilfen an Wortschatz hängen bleibt: 9 bis 18 Prozent der unbekannten Wörter direkt danach, 6 bis 17 Prozent nach einer Weile. Wer die Wörter absichtlich lernt, kommt in einer früheren Analyse derselben Gruppe auf 39 Prozent. Ein Nachschlagen im Text liegt dazwischen. Mit einer Worterklärung, die sich beim Antippen öffnet, lernten Lesende in der Meta-Analyse von Yanagisawa aus dem Jahr 2020 45 Prozent der Zielwörter sofort und 33 Prozent auf Dauer, ohne Erklärung 27 und 20 Prozent. Die Erklärung verdoppelt also ungefähr den Ertrag. Eine Übersetzung in die eigene Sprache schlägt eine Erklärung auf Deutsch um ein paar Punkte, und beides zusammen schneidet am besten ab. Deshalb stehen in WieGesagt Übersetzung und deutsche Erklärung nebeneinander.

Was beim Nachschlagen zählt

Laufer und Jan Hulstijn haben 2001 zerlegt, was eine Aufgabe für ein Wort tut. Drei Dinge: Du brauchst das Wort, du suchst seine Bedeutung, und du prüfst, ob die gefundene Bedeutung in den Satz passt. Yanagisawa und Webb haben 2021 über 42 Studien nachgerechnet, welcher der drei Teile das Behalten erklärt. Das Prüfen trug am meisten bei, das Brauchen danach, das Suchen gar nichts. Der Klick selbst, das Suchen, ist also wertlos. Was zählt, ist der Moment danach: der Satz noch einmal, mit der Bedeutung an ihrem Platz. Passt sie? Ist „ausgerechnet“ hier wirklich ein Vorwurf? Diese Sekunde ist das Lernen.

Elke Peters et al. haben das 2009 mit 137 niederländischsprachigen Studierenden getestet, die einen deutschen Text mit Online-Wörterbuch lasen. Wer wusste, dass ein Test kommt, schlug mehr nach. Wer die Wörter nach dem Lesen noch einmal bearbeiten musste, konnte ihre Bedeutung auch später noch abrufen. Und die Wörter, die man für die Verständnisfragen brauchte, blieben besser als die, die man überlesen konnte. Die Schlussfolgerung der Studie: Der magere Ertrag des bloßen Lesens steigt deutlich, wenn man nachschlagen muss, die Bedeutung gründlich mit dem Satz verbindet und das Wort nach dem Lesen noch einmal bearbeitet.

Wie oft du einem Wort begegnen musst

Ana Pellicer-Sánchez und Norbert Schmitt haben 2010 fortgeschrittene Lernende einen ganzen Roman lesen lassen und danach 34 unbekannte Wörter abgefragt. Von einer bis vier Begegnungen tat sich nichts, bei fünf bis acht stieg die Kurve, bei zehn bis siebzehn machte sie einen Sprung. Danach brachte mehr kaum noch etwas. Aber selbst nach zehn bis siebzehn Begegnungen erkannten die Lesenden die Bedeutung von 84 Prozent der Wörter und konnten sie nur bei 55 Prozent selbst nennen. Irina Elgort und Kollegen sahen 2018 in den Augenbewegungen, warum: Die Form eines neuen Worts wird nach fünf bis zehn Begegnungen so schnell gelesen wie ein bekanntes. Die Bedeutung in den Satz einzubauen dauert nach zwanzig, manchmal vierzig Begegnungen immer noch länger. Ein Buch gibt dir die häufigen Wörter. Für die anderen zählt, wo sie dir sonst noch begegnen und ob sie dabei einen Zusammenhang haben.

Abrufen statt Anschauen

Der zweite Fehler nach dem Nachschlagen ist das Wiederanschauen. Die Liste durchgehen, nicken, weiter. Jeffrey Karpicke und Henry Roediger haben 2008 in Science gezeigt, was das bringt: Sobald ein Wortpaar einmal richtig abgerufen war, brachte weiteres Anschauen für den Abruf eine Woche später nichts mehr, weiteres Abfragen dagegen viel. Die Studierenden selbst sagten das Gegenteil voraus. In der Meta-Analyse von Christopher Rowland aus dem Jahr 2014 hat die Abfrage mit Stichwort, bei der du das Wort selbst hervorholen musst, den größten Effekt, und die Rückmeldung danach verdoppelt ihn fast. Also: die deutsche Seite verdeckt, das Wort aus dem Kopf holen, dann erst umdrehen.

Ein bisschen vergessen

Nate Kornell ließ 2009 Studierende Vokabelkarten lernen, entweder als einen großen Stapel oder als vier kleine. Der große Stapel gewann, und er schlug auch das Pauken am letzten Tag. Trotzdem glaubten 72 Prozent nach der ersten Sitzung, die kleinen Stapel hätten besser funktioniert. Karpicke und Roediger fanden 2007, dass es kaum darauf ankommt, ob die Abstände zwischen den Wiederholungen wachsen oder gleich bleiben. Worauf es ankommt, ist, dass die erste Abfrage erst kommt, wenn sie schon schwer ist. Ulf Schuetze hat 2015 dasselbe mit Anfängern in einem Deutschkurs gesehen: Wachsende Abstände gewannen den Test kurz danach, gleiche Abstände den späteren, und gerade die kleinen Funktionswörter litten unter den wachsenden Abständen am meisten. Wenn ein altes Wort wieder auftaucht, das du fast vergessen hast, ist das kein Fehler des Plans. Das ist der Plan.

Dass sich das falsch anfühlt, ist normal. Aroline Seibert Hanson und Christina Brown haben 2020 Studierende in einem Spanischkurs verpflichtet, ein Programm mit verteilten Wiederholungen zu benutzen. Die Studierenden beschwerten sich, dass Wörter aus längst geprüften Kapiteln Zeitverschwendung seien. Die Zahl der Tage, an denen sie das Programm trotzdem benutzten, sagte ihre Leistung am Semesterende voraus, auch nach Abzug von Ausgangsniveau, Motivation und Überzeugungen. Und bei Yuichi Suzuki, Tatsuya Nakata und Xuehong He erklärte 2025 nicht ein Test für Merkfähigkeit das Behalten, sondern wie viele Versuche jemand im Programm für ein Wort gebraucht hatte: 39 Prozent der Unterschiede gegen 2 Prozent für den Test.

Quellen

  1. Yanagisawa, Webb und Uchihara (2020), How do different forms of glossing contribute to L2 vocabulary learning from reading?, Studies in Second Language Acquisition 42, 411–438.
  2. Peters, Hulstijn, Sercu und Lutjeharms (2009), Learning L2 German vocabulary through reading, Language Learning 59, 113–151.
  3. Karpicke und Roediger (2008), The critical importance of retrieval for learning, Science 319, 966–968.
  4. Karpicke und Roediger (2007), Expanding retrieval practice promotes short-term retention, but equally spaced retrieval enhances long-term retention, Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition 33, 704–719.
  5. Schuetze (2015), Spacing techniques in second language vocabulary acquisition, Language Teaching Research 19, 28–42.
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